Heckflosse der Interflug-Tupolew
Die Tupolew Tu-134 am Flugplatz Magdeburg erinnert bis heute an die frühere DDR-Fluggesellschaft Interflug. (Foto: Thomas Tasler)

36 Jahre nach der Deutschen Einheit ist die einstige DDR-Fluggesellschaft Interflug längst Geschichte. Doch ihre Spuren sind bis heute sichtbar. Am Flugplatz Magdeburg steht eine Tupolew Tu-134, die einst für Interflug flog. Eine Begegnung mit einem Stück ostdeutscher Luftfahrtgeschichte – und mit einem Mann, der dafür sorgen will, dass diese Geschichte sichtbar bleibt.

Am 3. Oktober 1990 wurde die DDR Geschichte. Doch wer an diesem Tag am Flughafen Berlin-Schönefeld über das Vorfeld blickte, sah noch vieles, was unverkennbar zu ihr gehörte. Dort standen weiterhin Tupolews und Iljuschins mit dem markanten roten Interflug-Schriftzug. Auch im nun vereinten Deutschland hoben die Maschinen weiter zu ihren Zielen ab; das Airline-Kürzel „IF“ blieb auf den Abflugtafeln präsent. Vorerst.

Erst am 30. April 1991 endete der Flugbetrieb. Mit der Fluggesellschaft verschwand weit mehr als nur ein Unternehmen, das Passagiere von einem Ort zum anderen brachte. Interflug hatte einen großen Teil der zivilen Luftfahrt der DDR geprägt und war für viele Menschen zugleich eines der wenigen Tore in die Welt außerhalb des eigenen Landes.

Der Interflug-Schriftzug auf dem Rumpf der Tupolew.
Der rote Interflug-Schriftzug war über Jahrzehnte ein vertrautes Bild auf den Flughäfen der DDR. An der Magdeburger Tu-134 ist er bis heute erhalten. (Foto: Thomas Tasler)

Weit offen stand dieses Tor allerdings nie: Wohin geflogen wurde, war stark von politischen Vorgaben geprägt; viele Verbindungen führten nach Osteuropa, in die Sowjetunion und andere „Bruderstaaten“.

Mit dem Ende des Flugbetriebs verschwand Interflug schnell aus dem Alltag. Für Tausende Mitarbeiter endete damit eine berufliche Welt. Besonders tief war der Einschnitt für das fliegende Personal: Piloten, Navigatoren, Bordingenieure und Stewardessen, die teils ihr gesamtes Berufsleben bei Interflug verbracht hatten, mussten sich auf einem schwierigen Arbeitsmarkt neu orientieren. Für viele von ihnen bedeutete das Ende der Interflug zugleich das Ende ihres beruflichen Fliegerlebens.

Geblieben sind Erinnerungen, Fotos und Geschichten – und einige Flugzeuge.

Wie tief der Einschnitt für die Interflug-Beschäftigten war, zeigt diese SPIEGEL-TV-Dokumentation aus dem Jahr 1991. Der Film begleitet die letzten Monate der Interflug und ihrer Mitarbeiter, deren berufliche Existenz mit dem Ende der DDR-Fluggesellschaft plötzlich offen war.
Eine Tupolew als Zeitzeugin

Eines davon steht am Flugplatz Magdeburg. Eine Tupolew Tu-134. Grau-weißer Rumpf, roter Interflug-Schriftzug, zwei Triebwerke am Heck. Schon ihre Silhouette wirkt wie aus einer anderen Zeit.

Ende September öffnete sich ihre Tür erstmals seit längerer Zeit wieder für eine öffentliche Führung. Besucher konnten durch die Kabine gehen, ins Cockpit schauen und ein Flugzeug erleben, das längst zu einem stillen Zeugen der Luftfahrtgeschichte geworden ist.

Ich gehe mit an Bord. Und kaum stehe ich in der Kabine, ist er wieder da.

Dieser Geruch.

Schwer zu beschreiben. Ein bisschen Reinigungsmittel, ein bisschen Öl, alter Kunststoff und Metall. Dieser sehr eigene Geruch alter Technik, den viele Fahrzeuge und Maschinen aus DDR-Produktion bis heute haben.

Ich erkenne ihn sofort.

Und plötzlich bin ich gedanklich wieder in den 1990er-Jahren. Damals begleitete ich in den Ferien meinen Vater häufiger auf Dienstreisen nach Leipzig. Am Flughafen Leipzig/Halle wurden zu dieser Zeit ebenfalls Interflug-Maschinen ausgestellt. Eine Iljuschin Il-18 und eine Tupolew konnte man auch von innen erkunden.

Für einen luftfahrtverrückten kleinen Jungen wie mich war das atemberaubend. Plötzlich saß ich selbst in einem Cockpit, vor mir Reihen von Schaltern, Anzeigen und Instrumenten, deren Funktion ich damals nicht einmal ansatzweise verstand. Alles wirkte fremd, kompliziert und ungeheuer technisch – wie der Blick in eine verborgene Welt, deren Sprache ich nicht verstand.

Instrumentenbrett einer Tu-134
Dicht an dicht sitzen Instrumente, Anzeigen und Schalter. Das Cockpit der Tu-134 übt auf Luftfahrtbegeisterte bis heute eine besondere Faszination aus. (Foto: Thomas Tasler)

Geflogen bin ich mit diesem Flugzeugtyp nie. Für mich war die Tupolew schon als Kind ein Museumsflugzeug – ein Relikt einer Luftfahrtwelt, die ich selbst nicht mehr erlebt hatte. Und trotzdem fühlt sich die Maschine in Magdeburg merkwürdig vertraut an: die runden Fenster, die weich gepolsterten Sitzreihen, die vielen noch immer unbekannten Instrumente im Cockpit – und eben dieser Geruch, der offenbar Jahrzehnte überdauern kann.

Für viele Menschen in der DDR war die Tu-134 kein Museumsstück, sondern ein ganz normales Verkehrsflugzeug. Über Jahre bildete der Zweistrahler das Rückgrat der Interflug-Flotte. Von Berlin-Schönefeld aus flog die Maschine zu zahlreichen europäischen Zielen. Zur Leipziger Messe kam die Tu-134 sogar auf Verbindungen nach Westdeutschland zum Einsatz.

Zweites Leben nach harter Landung

Die Magdeburger Tupolew kam 1968 zur Interflug. Mitte der 1980er-Jahre endete ihre aktive Laufbahn nach einer harten Landung am Heimatflughafen Schönefeld. Danach begann für die Maschine ein zweites Leben: zunächst als Flugzeugcafé in Oschersleben, später als Ausstellungsstück am Flugplatz Magdeburg.

Und genau dort kreuzt sich ihre Geschichte mit der von Danny Schneider.

Schneider kennt die Maschine schon seit seiner Kindheit. Als sie noch in Oschersleben stand, saß er mit seinen Eltern darin und aß Wiener Würstchen. Jahre später begegnete ihm die Tupolew während eines Praktikums erneut – inzwischen in Magdeburg.

Seine Begeisterung für die Luftfahrt war da längst geweckt. „Ich hatte schon immer so ein Faible für russische Flugzeuge, generell für Ost- und Sowjetluftfahrt“, erzählt er. Während seiner Ausbildung bei Lufthansa in Berlin traf er auch ehemalige Mitarbeiter der Interflug. „Da konnte ich halt immer noch mal ein bisschen näher in die Geschichte der Interflug eintauchen.“

Ein Mann mit Brille sitzt in einer Tupolew auf dem Sitz des Copiloten.
Danny Schneider im Cockpit „seiner“ Tupolew: Schon als Kind kannte er die Maschine aus Oschersleben. Heute möchte er dazu beitragen, dass sie erhalten bleibt und wieder häufiger geöffnet wird. (Foto: Thomas Tasler)

Beruflich ist Schneider der Luftfahrt treu geblieben. Heute ist er Technischer Betriebsleiter der Polizeihubschrauberstaffel in Magdeburg. Im Oktober beginnt für ihn noch einmal eine Ausbildung an der Fliegerschule. Danach will er als Flugtechniker an Bord der Polizeihubschrauber mitfliegen.

Schneider schaut deshalb auch anders auf die alte Tupolew als ein gewöhnlicher Museumsbesucher. Ihm fallen nicht nur die historischen Details auf, sondern auch die Spuren der Jahre. Die Maschine steht seit Langem im Freien. Grünspan hatte sich auf der Außenhaut festgesetzt, die Witterung ihre Spuren hinterlassen.

Schneider störte das. Vor einer Veranstaltung am Flugplatz sprach er schließlich den Geschäftsführer des Flughafens Magdeburg an, dem die Tupolew gehört. „Du, pass auf, ich hätte Bock, die sauber zu machen“, erinnert er sich.

Was zunächst nach einer fixen Idee klingt, könnte der Anfang eines längerfristigen Projekts sein. Schneider möchte sich regelmäßiger um die Tupolew kümmern. Dazu gehört weit mehr als nur das Putzen: Die Kabine muss gelüftet, die Treppe kontrolliert, die Reifen regelmäßig überprüft werden. Gerade bei Museumsflugzeugen zeige sich schnell, wenn sich über längere Zeit niemand zuständig fühle.

„Das sind so die Museumsflugzeuge, wo sich keiner drum kümmert, die dann immer mit platten Reifen zum Beispiel dastehen“, sagt Schneider. „Das ist immer so das erste Indiz.“

Luftfahrt zum Anfassen

Doch ihm geht es nicht nur darum, den Verfall aufzuhalten. Die Tupolew soll wieder stärker genutzt werden – als Ort, an dem Luftfahrtgeschichte nicht nur betrachtet, sondern tatsächlich erlebt werden kann.

„Das ist ja das Faszinierende: Luftfahrt zum Anfassen“, sagt Schneider. Alte Flugzeuge sollten aus seiner Sicht nicht nur aus einigen Metern Entfernung betrachtet werden können. Besucher sollen hineingehen, Details entdecken und eine Vorstellung davon bekommen, wie sich diese Technik einmal angefühlt hat. „Einfach mal so in das Feeling eintauchen.“

Die Kabine der Tupolew.
Blick durch die Kabine der mehr als 50 Jahre alten Tu-134. Viele Details erinnern noch heute an die Zeit, als die Maschine für Interflug im Einsatz war. (Foto: Thomas Tasler)

Wie nah Luftfahrtgeschichte hier plötzlich kommen kann, zeigt sich an diesem Nachmittag besonders bei dem jüngsten Besucher. Der Junge möchte unbedingt Pilot werden. Schneider erkennt sich in ihm wieder. „Da sehe ich mich dann auch selber drin, wie ich früher war“, sagt er. „Da brauchtest du bloß ,Flugzeug‘ sagen, und dann ging schon das Herz auf.“

Genau solche Momente sind es, die Schneider wichtig sind. Ein altes Flugzeug steht dann nicht mehr einfach nur auf einem Flugplatz, sondern wird zum Ausgangspunkt für neue Geschichten und neue Begeisterung.

Einer der Letzten

Für Danny Schneider ist längst klar, dass sein Engagement nicht beim Putzen enden muss. „Mein Ding ist die Interflug“, sagt er. Irgendwann würde er gerne auch an der Maschine arbeiten, Dinge herrichten und häufiger Führungen anbieten. Auf die Frage, ob er sich langfristig sogar vorstellen könne, hier eine Art Museumsleiter zu werden, antwortet er ohne Zögern: „Auf jeden Fall. Das würde ich machen.“

DDR-Luftfahrt: Deutsches Technikmuseum zeigt restaurierte IL-14

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Dass er sich dauerhaft um eine der wenigen erhaltenen Interflug-Tupolews kümmern könnte, bedeutet ihm viel. „Einer der Letzten zu sein, der noch an einer Tupolew 134 in Deutschland – vielleicht sogar in Europa – und dann auch noch an einer Interflug-Maschine arbeitet: Das würde mir eigentlich schon reichen.“

Am 3. Oktober 1990 war Interflug noch ein sichtbares Stück DDR im wiedervereinigten Deutschland. 36 Jahre später ist davon nicht viel geblieben. Doch in Magdeburg steht noch eine dieser Maschinen – mit rotem Schriftzug, einem Cockpit voller Schalter und Instrumente und all den Spuren einer längst vergangenen Luftfahrtwelt.

Und solange Menschen wie Danny Schneider dafür sorgen, dass die Reifen nicht platt werden, die Außenhaut nicht weiter verwittert und die Tür hin und wieder für Besucher geöffnet wird, bleibt zumindest ein Teil davon lebendig.

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